Schloss und
Schlüssel – zur Methodik der Dendrochronologie
Dendro-Datierungen werden gern mit
Schloss und Schlüssel verglichen, wobei nur bei richtiger
Datierung der Jahrringbreitenkurven-Schlüssel einer Holzprobe zur
Chronologie passt. Ganz so einfach ist es jedoch nicht, denn dann
wären die vorliegenden Ausführungen überflüssig.
Die Natur ist keine Feinmechanikerwerkstatt, die
Ähnlichkeitsbeziehungen der Baum-Jahrringfolgen sind nicht genormt
sondern werden durch ein komplexes Gefüge von
bodenkundlich-standörtlichen sowie regionalklimatischen Faktoren
beeinflusst. Es gibt demnach immer Unterschiede im Kurvenverlauf, der
Schlüssel „knirscht“ – mehr oder weniger. Die Kunst der
Dendrochronologie besteht darin,
a) ein „Knirschen“ des
Schlüssels von Nicht-Passen sicher zu unterscheiden und
b) optimale Chronologien als
Schlösser zu bauen.
Zu a): Dendro-Datierungen
basieren auf einem rechnerisch-statistischen sowie einem optischem
Vergleich der Jahrringkurven. Erfahrene Dendrochronologen/innen sehen
dabei im optischen Vergleich die letztlich entscheidende Instanz, um
aus statistisch ausgewiesenen Möglichkeiten (die als „Angebote“
verstanden werden sollten) die richtige Deckungslage (= Datierung)
sicher zu erkennen. Das Auge sieht Ähnlichkeitsbeziehungen im
Kurvenvergleich z. T. anders (und keineswegs schlechter) als ein
Statistikprogramm. Diese Beurteilung spielt besonders im
Übergangsbereich der Statistikwerte zu niedrigeren, auch
zufällig auftretenden Werten eine Rolle.
Zu b): Eine optimale
Chronologie ist aus Proben aufgebaut, die regional und
standörtlich (z. B. trocken / feucht) den zu datierenden Proben
entsprechen. Mit der Anzahl der eingereichten Proben und entsprechend
dem Fleiss und Engagement der Dendrochronologen steigen daher die
Datierungsaussichten. So waren z. B. früher niedersächsische
archäologische Hölzer aus dem ersten nachchristlichen
Jahrtausend nur zu einem geringen Prozentsatz mit Hilfe der
norddeutschen Mooreichen-Chronologie datierbar. Aufgrund der inzwischen
in großer Zahl eingereichten historischen Hölzer von
„Normalstandorten“ ist die Erfolgsquote jetzt erheblich höher.
Aber auch in eigentlich gut belegten Zeitabschnitten treten immer noch
Verbesserungsmöglichkeiten auf. Als Beispiel sei Lüneburg
angeführt – ein relativ schwieriges dendrochronologisches Terrain,
da viele Jahrringfolgen starke lokale Einflüsse u. a. durch
blattfressende Insekten (z. B. Maikäfer) aufweisen. Im Rahmen
einer umfangreichen bauhistorischen Aufnahme von Lüneburger
Gebäuden hat DELAG inzwischen einige hundert Hölzer
datiert.
Größere
Darstellung der Abbildung
Zur Abbildung:
Dendro-Datierung und Ringbreiten-Kurvenähnlichkeiten in der
Praxis: Die Kurven der einzelnen Hölzer zeigen im Vergleich
zueinander und zur Chronologie neben übereinstimmenden Phasen
(einige Beispiele grau unterlegt) auch individuelle Abweichungen. Diese
werden durch die Berechnung der Durchschnittswerte weitgehend
eliminiert, die Mittelkurve aus den Hölzern der beiden
Gebäude passt ausgezeichnet zur Chronologie.
Ausgehend von Jahrringfolgen mit nur
geringer oder lediglich phasenweise auftretender lokaler Prägung
(datierbar mit der Göttinger Ostheide-Chronologie) ließen
sich mehrere lokale Standort-Unterchronologien bilden, die nun auch die
Datierung von schwierigem oder ringarmen Material erlauben. Auch
waldgeschichtlich sind die Befunde interessant: Vor allem offene
Waldbestände (Übernutzung, Hudewälder?) sind vom
Insektenfrass betroffen.
Nach diesem kleinen Exkurs in die
Methodik nun zur Gretchenfrage: Wie sicher sind Dendro-Datierungen?
Die schlichte Antwort lautet: „(So gut wie) zweifelsfrei sicher“, wenn
sich ein seriös arbeitendes Labor an zwei Dogmen hält.
Dogma 1: Nur statistisch und vor
allem gutachterlich-optisch als zweifelsfrei richtig eingestufte
Datierungen sollten an den Einreicher weitergegeben und in Chronologien
einbezogen werden. Ein „wenn, vielleicht, oder“ würde dem Anspruch
einer Dendrodatierung krass entgegenstehen. Grenzfälle und
Vermutungen sind ein laborinternes Arbeitsfeld, u. U. wertvoll bei
späteren Verfeinerungen der Chronologien.
Dogma 2: Die Datierung sollte
unabhängig und ohne Kenntnis zeitlicher Vorstellungen des
Einreichers erfolgen. Nur dann ist ein besonderer Vorzug der
Dendro-Datierung gewährleistet: ihre Unabhängigkeit von
anderen Verfahren. Eine statistisch und auch optisch hübsch
aussehende falsche Datierung wird nicht wirklich, sondern nur
wahrscheinlich richtiger, wenn sie zufällig in ein solches
vorgegebenes Zeitfenster fällt. Der/die Dendrochronologe/in sollte
sich daher auch im Eigeninteresse nicht von solchen Vorgaben
beeinflussen lassen. Wenn – in Absprache mit
dem Einreicher – in begründeten Ausnahmefällen doch z. B.
Radiocarbondatierungen oder Interpretationen der Fundsituation/des
Bauzusammenhangs zur Stützung der Datierung herangezogen werden,
ist dies bei der Verwendung der Daten ausdrücklich
anzuführen.
Es bleibt das oben genannte „so gut
wie“. Das Problem „Fehldatierung“ sollte nicht verharmlost, aber auch
nicht dramatisiert werden. Zugegebenerweise können auch bei
gewissenhaftester Bearbeitung des Materials in Einzelfällen Fehler
vorkommen. Ihre Häufigkeit sollte jedoch maximal im
Promillebereich anzusiedeln sein. Auch wir Dendrochronologen/innen sind
eben nicht völlig unfehlbar, und der Teufel kann wie ein
Eichörnchen aussehen (bzw. eine Fehldatierung wie eine echte).
Importholz
Durch die Zusammenarbeit mit
europäischen Kollegen kann DELAG auch importierte
Hölzer datieren. Insbesonders in der Küstenregion stammen
nicht nur Fassdauben und Schiffswrackproben, sondern auch Bauholz zum
Teil aus dem polnisch/baltischen oder dem skandinavischen Raum. In
einem Fall kam es erst auf einem (interessanten) Umweg zu einer
Datierung: Ringreiche schleswig-hollsteinische Schiffswrackproben aus
dem 17. Jhd. ließen sich nach Mittelkurvenbildung mit
norddänischen und südschwedischen Chronologien des Labors
Kopenhagen datieren. Das engere Herkunftsgebiet ist nicht zu
lokalisieren, auch Norwegen kommt z. B. in Betracht. Die Ringfolge der
Wrack-Mittelkurve wiederum datierte mit einer außerordentlich
guten Übereinstimmung Bauholz in Esens und Wilhelmshaven, so dass
von einer Herkunft der Hölzer aus der gleichen Region auszugehen
ist. Damit liefert Niedersachsen einen zusätzlichen Baustein im
Netz der skandinavischen Eichenchronologien.
Relativdatierungen
Bei Relativdatierungen ist zwar das
absolute Alter der Holzproben unbekannt, die Jahrringfolgen eines
Probenkollektivs sind jedoch untereinander synchron und somit in ihrer
zeitlichen Abfolge exakt datiert. Solche Aussagen sind fallweise, z.B.
bei umfangreichen archäologischen Grabungen (Pfahlbausiedlungen,
Bohlenwege) oder bei Gebäuden mit mehreren Bauphasen durchaus
sinnvoll. Mittelkurven aus relativ datierten Jahrringfolgen werden als
„schwimmende“ Chronologien bezeichnet. Sie sind u. U. Bausteine
für zukünftige absolute, kalenderjahr-genaue Chronologien.
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