Anforderungen an das Probenmaterial, Datierungsaussichten

Für eine Dendro-Datierung müssen zunächst zwei Grundvoraussetzungen erfüllt sein:

  • Hölzer mit mindestens 50, besser mehr als 80 Jahrringen;
  • Material von/aus Baumarten / Zeitabschnitten / Regionen mit geeigneten Chronologien.

Falls möglich, sollten je Befund / Bauphase mehrere Proben (je nach Material 5 bis 10) untersucht werden. Zum einen steigen die Datierungsaussichten durch Mittelkurvenbildung aus synchronen, d.h. untereinander zeitlich exakt zugeordneten Jahrringfolgen. Zum anderen ist häufig gerade bei ringarmen Hölzern nur ein Teil datierbar und auch dieser erst durch gegenseitige Bestätigung und Absicherung mit anderen Proben. Nicht zuletzt kann so eher ausgeschlossen werden, dass wiederverwendete Hölzer vorliegen.

Selbst bei optimalen Voraussetzungen muss – methodisch bedingt – mit einem gewissen Anteil undatierbarer Proben gerechnet werden. Dabei geht es – regional betrachtet – zum Leidwesen von Einreichern und Dendrochronologen nicht gerecht zu. Während sich im Mittelgebirgsraum (z.B. im südniedersächsisches Bergland) etwa 90 % der Hölzer mit mehr als 70 Jahrringen problemlos datieren lassen, sinkt diese Quote im norddeutschen Flachland auf etwa 70 %. Woran liegt das? Im wesentlichen an standörtlichen und waldwirtschaftlichen Gegebenheiten:

Im Mittelgebirgsraum stammen die Hölzer vorwiegend von landwirtschaftlich nicht nutzbaren, häufig flachgründigen und nährstoffarmen Flächen. Die Standort-Unterschiede sind gering, das „gemeinsame Signal“ in den Jahrringfolgen und somit auch die Übereinstimmung mit der Chronologie hoch. In den eher dichten Waldbeständen wachsen die Bäume langsam, es überwiegen feinringige, ringreiche Proben. Auch Insektenfrass spielt bei solchen Beständen nur eine untergeordnete Rolle.

Im Flachland dagegen treten eine Vielzahl stark voneinander abweichender Standorte vom trockenen Sandboden bis zur feuchten, moorigen Niederung und der Marsch auf. An Feuchtstandorten geht der im allgemeinen dominierende Einfluss der Frühjahrs- und Sommerniederschläge auf das Baumwachstum zurück, während die Temperatur eine stärkere Rolle spielt. Lokale Einflüsse (z. B. Grundwasserstand) überprägen z. T. das überregionale „gemeinsame Signal“. In inselartig isolierten, evtl. auch noch lockeren Waldbeständen kommt es lokal zu Massenvermehrungen blattfressender Insekten mit starkem Einfluss auf die Jahrringstruktur. Die Folgen: Die Eichenhölzer sind häufig grobringig und ringarm und selbst „normal“ gewachsene ringreiche Proben mögen manchmal nicht einmal Verdachtsmomente für eine in Frage kommende Datierung zeigen.

Wir wollen die Situation aber nicht zu übel darstellen. Nach 15 Jahren harter Basisarbeit und der Auswertung einiger Tausend Proben hat DELAG auch für die Flachlandregion ein dichtes Netz lokaler und standörtlicher Chronologien (so z.B. für den Küstenraum oder in Lüneburg) aufgebaut, die auch hier – nicht immer, aber immer öfter – Datierungen erlauben.

Endjahr, Fälljahr, Waldkante, Splintholz

Die Datierung des Endjahres (= äußerster Jahrring der Holzprobe) entspricht dem Fälljahr des Baumes, wenn die Waldkante (= Holzabschluß unter der Rinde) vorhanden ist. Bei Eichenhölzern mit Splintholzresten (Splint = aussen liegender, anatomisch und farblich vom inneren Kernholz unterscheidbarer Holzmantel) ist die bis zur Waldkante fehlende Anzahl an Jahrringen unter Angabe einer statistisch gegebenen Varianz schätzbar. Für Hölzer ohne Waldkante oder Splintholz wird die Datierung als terminus post quem (frühestmögliches Fälljahr) angegeben.

Endjahr, Fälljahr, Waldkante, SplintholzGrößere Darstellung der Abbildung

Eine Sonderstellung nehmen Spaltbohlen – vorherrschende Brettform vom Bohlenweg bis zur mittelalterlichen Stollentruhe – ein. Bei ihrer Herstellung wurde bei Eichenhölzern neben dem „minderwertigen“ verrottungs- und insektenfrassanfälligem Splintholz meist nur wenig Kernholz entfernt. Wird diese Annahme durch die Form der Bohlen bestätigt (radiale Spaltung, parallel zur Jahrringgrenze verlaufende, faserparalle Aussenkanten) und weisen weiterhin die Endjahre mehrerer Spaltbohlen aus einem Befund nur geringe Differenzen auf, so lässt sich eine strenggenommen lediglich als terminus-post-quem gegebene Datierung mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Jüngeren hin mit dem Terminus „um oder kurz nach“ zeitlich eingrenzen. Eine fachlich fundierte Dokumentation und Auswahl der Proben ist zur Absicherung unerlässlich.

SpaltbohlenGrößere Darstellung der Abbildung

Probengewinnung

Der Erfolg (oder Misserfolg) einer Dendro-Untersuchung beginnt mit der Probenahme. Entscheidend für die Eignung eines Holzes ist die Anzahl der Jahrringe, nicht die Grösse. Eine Spaltbohle von nur 10 cm Breite kann geeignet sein, ein Gründungspfahl von 50 cm Durchmesser ungeeignet. Bei Einzelproben sollten mindestens 70 Ringe vorhanden sein. Werden größere Probenkollektive eines Befundes eingereicht, ist auch die Bearbeitung von Hölzern mit weniger Jahrringen aussichtsreich.

ProbengewinnungGrößere Darstellung der Abbildung

Die Proben sollten aus Stammabschnitten mit möglichst ungestörtem Wuchs ohne Ast- / Wurzelansätze oder Störungen durch Wunden entnommen werden. Wesentlich ist weiterhin die Erhaltung der Aussenkante des Holzes für die Wahl der Probenahme-Stelle: Im Idealfall bis zur Waldkante, ansonsten mit Splintholzresten oder – bei allseitig bearbeiteten Balken – an dem aussen am weitesten erhaltenen Stammabschnitt. Im Zweifelsfall sind zur Sicherheit mehrere Proben für die engere Auswahl durch das Labor zu entnehmen.Geeignet sind ca 5 cm dicke Querschnitts-Scheiben der Hölzer oder Bohrproben. DELAG führt auf Wunsch die Probenahme durch.

Die Jahrringe kunsthistorischer Objekte (Möbel, Gemälde) werden an zugänglichen Querschnitts-Flächen (= Hirnholz) im Abdruckverfahren oder durch Lupenmessungen erfasst. Je nach Beschaffenheit der Oberflächen müssen diese dazu allenfalls geringfügig mit dem Skalpell geglättet werden. Bei Nadelhölzern sind u. U. auch glatte Längsschnitt-Flächen geeignet.

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Hinweis zur Einsendung von Holzproben

Eingereichten Proben ist eine kurze Dokumentation beizulegen, die – soweit möglich und sinnvoll – folgende Angaben zur Herkunft der Hölzer enthalten sollte:

  • Objektbezeichnung, Ort mit PLZ, Straße + Hausnummer bzw. Fundort, Befundzusammenhang, Lageplan, Fotos
  • Die einzelnen Holzproben sind – neben der Befundlage – durch eine fortlaufende Nummerierung eindeutig zu kennzeichnen (Parallelproben des selben Holzes sind durch den Zusatz „a“, „b“… auszuweisen. Diese Probenummern erscheinen auch im Untersuchungsbericht und lassen sich somit vom Auftraggeber zweifelsfrei zuordnen
  • Trockene Hölzer können direkt mit einem wasserfesten Stift beschriftet werden, bei feuchtem Holz haben sich mit einem Tacker befestigte Plastikschilder bewährt
  • Archäologische Grabungshölzer sollten nach der Bergung so rasch als möglich in Wasser gelagert oder eingefroren werden, um einem Austrocknen, bzw. der Schimmelbildung vorzubeugen. Aus demselben Grund sollten die Hölzer nur kurzfristig für den Versand in Plastik verpackt werden. Grabungshölzer sind möglichst gesäubert einzureichen (Vorsicht bei weichem Splint!)

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